„An it harm none, do what ye will – Tu was du willst, aber schade niemandem“ - Eine Analyse

30 09 2007

Dieser Beitrag ist ursprünglich vom 07. November 2006.

Ursprung

Das „Magische Gesetz“ „Tu was du willst“ erschien erstmalig Anfang des 20. Jahrhunderts in den Werken A.Crowleys, der es mit dem Zusatz „das sei dein einziges Gesetz“ als Richtlinie für seinen Thelemaorden aufstellte.

G.Gardner kannte und schätzte nicht nur Crowleys Bücher, sondern hatte auch ihn selbst mindestens einmal getroffen. Gardner war auch derjenige, der die Sinn ändernde Erweiterung bzw. Einschränkung des bei Crowley noch absoluten und radikalen Vorzugs des eigenen Willen vor allen anderen Dingen anfügte, das berühmte „aber schade niemandem“.

Die Tatsache, dass Gardner versuchte, diesen Spruch seinen Lesern als Uraltes Hexengesetz zu „verkaufen“, ist ein anderes – und seit Jahren kontrovers diskutiertes – Thema.

Jedenfalls ist dieses „Tu was du willst, aber schade niemandem“ seit Gardner die moralische Grundlage schlechthin für die meisten Wicca und auch für diverse andere organisierte wie „freifliegende“ Hexen/Neo-Heiden.

 

Bedeutung

Die Bedeutung bzw. Aussagekraft eines moralischen Standards ist m.E. Nur schwierig zu beurteilen, da jeder Mensch abhängig von Kultur, Erziehung, Religion, Bildung etc., seine eigene Interpretation von Moral, Werten und Anstand hat.

Folgende Beschreibungen beruhen daher hauptsächlich auf meinen eigenen Erfahrungen und Maßstäben – die durchaus durch die Gespräche, die ich mit Bekannten und im Internet zu dem Thema geführt habe, beeinflusst sind.

  • Tu was du willst - Gibt dem eigenen Willen Vorrang vor dem Zwang durch andere.

  • Tu was du willst – Gibt dem eigenen Willen Vorrang vor den eigenen Zwangshandlungen.

  • Tu was du willst – Heißt „Mach was“, verlass dich nicht darauf, dass man dir die Arbeit abnimmt, sei selbstständig.

  • Tu was du willst – Fordert zur Verantwortung auf. Meine Handlungen entspringen meinem Willen – mit allen Konsequenzen.

  • Tu was du willst – Erinnert daran, dass Handlungen anderer im Idealfall ebenfalls ihrem eigenen Willen entspringen und damit die eigene Entscheidung sind – was auch immer ich selbst davon halte.

  • Aber schade niemandem – Mahnt an Rücksicht anderen gegenüber. Ich soll mich fragen: „Wie weit kann/darf ich gehen, ohne anderen zu schaden?“

  • Aber schade niemandem – Nach S.Cunningham: „Schade auch dir selbst nicht, indem du deinem Körper (Anm.: und deinem Geist/deiner Seele; Rabenzahl) Nahrung, Bewegung etc. vorenthältst oder ihn vergiftest.“
    Schade auch und besonders Mutter Erde und Ihren anderen Kindern nicht.

  • Tu was du willst, aber schade niemandem – Fordert auf, den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Nicht nur, dass ich mich frage: „Wie weit darf ich gehen, ohne anderen zu schaden?“; ich muss auch überlegen: „Wie weit kann ich dem anderen Zugeständnisse machen, ohne mir selbst zu Schaden?“ Anders gesagt: „Gibt es einen guten Kompromiss, einen Mittelweg, der beiden nutzt oder zumindestens nicht schadet?“

 

Ein paar Beispiele aus der Praxis

Gardner beschreibt in einem Interview, wie er mit seinem Zirkel einen Erpresser ausschaltet, der eine Covenschwester belästigt:
In einem groß angelegten Ritual wird der Erpresser mittels traditioneller Wachspuppenmagie zum schweigen gebracht. Man hilft der belästigten Freundin, ohne dem „Gegner“ zu schaden. Man hält ihn nur davon ab, die Hex weiter zu erpressen.

Im selben Artikel gibt er auch eine Erklärung, wie er an sein Haus in Castletown gekommen ist:
Der Eigentümer des leer stehenden Hauses hatte bisher jedes Kaufangebot abgelehnt. Gardner will aber gerne kaufen. Was tun? Ein Ritual wird abgehalten, der Kauf fokussiert und violá! Der Verkäufer ändert seine Meinung.

Hier stelle ich mir allerdings die Frage, ob das schon unter „Beeinflussung des freien Willens anderer“ und damit in die Schublade „Schaden“ fällt. Wobei: es wurde niemand aus dem Haus getrieben, es stand ja leer, und der Eigentümer verkaufte Gardner das Haus – er verschenkte es ja nicht….

(Quelle: http://www.thewica.co.uk/WeekendGardner.htm)

Ein anderer Fall.

Ein Kellner kommt auf mich zu: „Rabenzahl, gestern war es so stressig im Lokal, kannst du was machen, dass es heute ruhiger wird?“
Klar kann ich. Aber schade ich ihm und der Chefin nicht dadurch? Weniger Kundschaft = weniger Umsatz = weniger Geld in der Kasse? Ich erkläre das und halte mich zurück. Ein Kommentar auf meine Frage zu dem moralischen Zwiespalt war ein sehr schöner Kompromiß. Man solle doch nicht für weniger Kundschaft sorgen, sondern die Fähigkeiten des Kellners stärken, mit Stress umzugehen.

 

Fazit

Wie alle moralischen Regeln, die der Mensch sich aufstellte, ist auch dies ein Ideal, nach dem man streben, das man aber nur schwer bzw. gar nicht erreichen kann. Alle Handlungen aller Wesen (insbes. der Menschen) beeinflussen sich gegenseitig, es ist praktisch unmöglich, jemandem nicht auf die eine oder andere Art zu schaden oder zu behindern – ob man nun will oder nicht, bewusst oder unbewusst.

Man kann aber nach bestem Wissen und Gewissen versuchen. Moralische Standards sind eine Landkarte auf der Reise des Lebens. Doch kein Weg verläuft schnurgerade, manchmal muss man Umwege gehen. Manchmal muss man Hindernisse auch durchbrechen, um sich selbst nicht zu schaden.


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