[Bearbeitete Version]
Auf der Wanderung durch die Tiefen des www bin ich mal wieder über Fanatiker gestolpert – und ich kann es nicht lassen, und lasse mich tatsächlich auf Diskussionen mit ihnen ein. Mir scheint echt langweilig zu sein… Für den Fall, dass meine Antwort nicht freigeschaltet wird, könnt ihr sie hier lesen:
Bei allem Respekt vor Eurem Glauben,
doch mit der Behauptung von der “Selbstoffenbarung” Gottes steht ihr nicht allein, denn auch Mohammed behauptete, die Schrift (hier der Koran) sei das Wort Gottes, Offenbart durch den Engel…
Zum Argument der Rechtfertigung durch Schrift (egal welcher heiliger Text) und Tradition gebe ich zu bedenken:
Ein Buch (und das gilt besonders für eine Büchersammlung wie die Bibel) ist immer von Menschen geschrieben, von Menschen bearbeitet, von Menschen kanonisiert, von Menschen interpretiert und von Menschen übersetzt (wobei jede Übersetztung immer eine Interpretation ist). Grade die Briefe Pauli zeigen ganz deutlich dessen eigene Meinung zum “Heilsgeschenen”. Weiterhin: Wenn mit einem Teil der Schrift als “Wille Gottes” gewedelt wird, so gehe ich davon aus, dass auch jeder andere Teil der selben Schrift Wille Gottes ist? D.h. also, dass ihr auch Levitikus 20,18 wörtlich nehmt?
Und Tradition? Grade diese ist von Menschen gemacht. Tradition (= etwas hinübergeben) ist ein dynamischer Prozess, d.h. es gibt deutliche Veränderungen im Laufe der Zeit. Die Kirchengeschichte ist da ein sehr gutes Beispiel für.
Die Antwort kam promt:
Zugegeben, die Schriftstücke des Alten Testamentes und die Evangelien und Apostelbriefe etc. sind alle von Menschen geschrieben, bearbeitet, ausgewählt und (auch bei deren Übersetzung) interpretiert. Aber all diese schriftlichen Zeugnisse wurden unter dem Antrieb und der Oberaufsicht Gottes, des Heiligen Geistes, verfaßt, als gott-inspiriert anerkannt und ausgewählt und dann auch interpretiert. Wenn zum Beispiel der Apostel Paulus “seine eigene Meinung zum Heilsgeschehen” äußert, so ist das eben nicht (nur) seine eigene, höchstpersönliche Meinung, sondern diejenige des ihn inspirierenden Gottes, des Heiligen Geistes!
Natürlich meinte auch Mohammed, er sei von Gott inspiriert. Und wie die Christen glauben, “die Bibel” sei Gottes Wort, so meinen auch die Muslime, “ihr Koran” sei Gottes Wort. Da steht Glauben gegen Glauben oder Meinung gegen Meinung. Und da muß nun eben die Vernunft und auch die vernünftige Wissenschaft auf den Plan treten. Beides kann nicht gleich gültig und wahr sein; denn es handelt sich um (unversöhnliche) Gegensätze, um Widersprüche. So wie es (vernünftigerweise) nicht zwei (oder viele) Götter geben kann, sondern nur einen, so kann es auch (vernünftigerweise) nicht zwei (oder viele) Wahrheiten geben, sondern nur eine. Wir Menschen sind von unserem Schöpfer mit (natürlichen) Fähigkeiten ausgerüstet, die es uns ermöglichen, nicht nur das Materielle, das uns begegnet, sondern auch das Geistige, das an uns herantritt zu unter-scheiden: ob es uns wohl-tut oder nicht, ob es uns zufrieden macht oder nicht, ob es aufrichtet, tröstet, glücklich macht oder nicht. Und so könnten unbeeinflußte, unbeschwerte, unverdorbene Kinder als Richter eingesetzt werden über die (unverfälschte) Lehre des Heilandes Jesus Christus und die (ungeschminkte) Lehre Mohammeds. Und bestimmt würde sich keines für die Lehre Mohammeds entscheiden! Koran und Bibel sind (als Ganzes gesehen) so gegensätzlich wie Unvernunft und Vernunft, wie Hass und Liebe, wie Krieg und Frieden, wie Tod und Leben, wie Hölle und Himmel, wie Satan und Gott!
Zu “Levitikus 20,18″: Der christliche Glaube, die christliche Lehre, ist nicht zu verwechseln mit den Gesetzen des Alten Bundes. Der Alte Bund ist nur wie ein “Vorspiel”, wie eine “Einleitung”, eine “Hinführung”, eine “Zurichtung” zum Neuen, definitiven, vollkommenen, ewigen. (”Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde…, Ich aber sage euch…”)
Die Tradition ist selbstverständlich “von Menschen gemacht”, aber eben: von Menschen, die von Gott erleuchtet und angeleitet waren, beziehungsweise sind.
Dieser von mir rot hervorgehobene Absatz beweist, dass man meine Argumente zur menschlichen Wahrnehmung des Göttlichen wie erwartet völlig ignoriert. Trotzdem habe ich nochmal den Versuch unternommen, einen sachlichen Beitrag zur Diskussion beizusteuern:
Wer auf Erden entscheidet nun, welche Menschen von “Gott” erleuchtet und angeleitet sind? Ich erdreiste mich, eure Antwort vorweg zu nehmen: “Nicht der Mensch auf Erden entscheidet, sondern Gott allein.” Gut soweit. Doch wie teilt Gott diese Entscheidng mit? “Durch Inspiration.” Aha. Jedoch, wer hat die Autorität, diese göttliche Inspiration als solche zu erkennen bzw. von Scharlatanerie zu unterscheiden? “Der, der von Gott dazu bestimmt ist.” … Man dreht sich im Kreis.
Sieht man sich die Geschichte (und hier auch wieder insbesondere die frühe Kirchengeschichte an), so sieht man diverse Beispiele, dass man sich selten einig über die “göttliche Inspiration” war.
Aber ich bin mir sicher, dass IHR ganz genau wisst, was Gottes Wille ist.
Nebenbei, wenn ihr schon mit der Bibel argumentiert, dann kennt ihr auch Matthäus 5,17-20. Da sagt Jesus selbst, wenn schon die Bibel, dann komplett. Und Himmel und Erde sind noch nicht vergangen, wenn ich so aus dem Fenster sehe…
Aber auch hier wird man wieder eine passende Phrase parat haben. Denn im Endeffekt bin ja auch ich nur eine Hexe, die man nicht am Leben lassen darf (Exodus 22,17) …
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Wow, Respekt vor Deinem guten Willen mit dem Du zum nachdenken anregen möchtest. Wäre nett, wenn Du hier auf dem Laufenden hältst, wie die Reaktion ausfiel.
Thx
Auch ich habe mich hier einmal mit Fanatikern versucht, auseinander zu setzen. Meine Erfahrung: das ist schlichtweg unmöglich. Fanatiker leben von Phrasen, die es immer schon gegeben hat und leider immer geben wird.
OMG – oder wer auch immer… *Kopfschüttel* – Ich kann gar nicht begreifen, wie man in so einer Weltsicht steckenbleiben kann.
Dazu kann man aber wohl nicht mehr sagen, als Lessing in der Ringparabel zusammengefasst hat. Wenn das nicht die “Erleuchtung” oder die Bereitschaft zum offenen Diskurs bringt, gibt es keine Hoffnung für einen echten Dialog, denke ich. Dann sind es wie schon weiter oben gesagt wohl wirklich nur Phrasen, die gebetsmühlenartig wiederholt werden, als würden sie durch diese Wiederholung irgendwie stichhaltiger…
LG vom P, das sich freut, dass es auch weitaus weltoffenere und durch ihr Leben inspirierende Christen kennt.
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Liebes P,
ja, Lessing und die Ringparabel kamen auch mir als erstes in den Sinn, aber ich habe darauf verzichtet, sie diesen geistig armen Gestalten um die Ohren zu schlagen – es brächte ja doch nichts…
*Rabenzahl*